Wir Kanaillen

César Rendueles Kanaillen Kapitalismus. Eine literarische Reise durch die soziale Marktwirtschaft

Eine Rezension von Oliver Heidkamp

Seit seiner Jugend führte Ludwig XVI. Tagebuch. Neben der minutiösen Auflistung all der Tiere, die er während der von ihm hoch geschätzten Jagd erlegte sowie seiner vielen Audienzen und Krankheiten (darunter Verdauungsstörungen, Erkältungen und Hämorrhoiden), fand er dabei jedoch kaum Interesse für andere Dinge. An Tagen etwa, an denen er weder jagte noch krank war oder Audienzen gestattete, steht im Tagebuch lediglich der Vermerk »nichts«. So geschah laut Ludwig XVI. zum Beispiel auch an den wichtigen Tagen der Französischen Revolution: »Nichts.«
Geht es nach dem spanischen Soziologen César Rendueles, dann dürfte uns Ludwigs Desinteresse für gesellschaftliche Entwicklungen jedoch kaum Anlass für Empörung geben. Denn: »Wir alle sind wie Ludwig XVI. geworden«, meint Rendueles, «kurzsichtig und, was noch schlimmer ist, skeptisch hinsichtlich der für möglich gehaltenen gesellschaftlichen Transformationsprozesse.« In seinem aktuellsten Buch prangert Rendueles mit diesem Vergleich unsere beschränkte Fähigkeit zur Veränderung der Wirklichkeit an. Mit Kanaillen–Kapitalismus. Eine literarische Reise durch die Geschichte der sozialen Marktwirtschaft hat der Soziologe eine subjektive Literaturgeschichte des Kapitalismus geschrieben. Darin vermitteln möchte er auch eine Haltung, die eine mögliche Veränderung der kapitalistischen Gegenwart ermöglichen soll. Gelingt ihm das?
Kasinokapitalismus, Zeitarbeitsfirmen und transnationale Unternehmen seien für die kapitalistische Gesellschaft nicht mehr wegzudenken, so Rendueles. Daher will er uns Alternativen aufzeigen. Das geschieht im Buch nicht nur anhand von politischen, sozialen oder ökonomischen Beispielen, sondern auch durch ein Verfahren, mit dem Rendueles versucht, anhand von »Fragmenten der Fiktion die Spuren realer Prozesse zu rekonstruieren, die sich im LSD-Rausch des zeitgenössischen Kapitalismus verflüchtigt haben.« Er benutzt dabei literarische Werke einerseits, um eine skizzenhafte Betrachtung der Geschichte des Kapitalismus aufzuwerfen. Andererseits möchte er anhand der Literatur aber auch die fiktiven Kapazitäten der Leser anregen.
In sieben Kapiteln stellt Rendueles unterschiedliche Formen und historische Entwicklungen des Kapitalismus dar. Die Marktherrschaft und die Handelskonkurrenz der Gegenwart kontrastiert er beispielsweise mit Gesellschaften der Vergangenheit. Auffällig an diesen Gesellschaften ist, dass der Markt weniger unkontrolliert agieren konnte – etwa, weil Prahlerei verhöhnt wurde oder bestimmte Kulturen diejenigen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen oder sogar umgebracht haben, die sich über andere erhoben. »Der Gedanke, dass der Wettbewerb eine starke selbstzerstörerische Komponente besitzt und deshalb eingeschränkt werden muss, war ein grundlegender Bestandteil traditioneller gesellschaftlicher Ordnungen.«
Weit entfernt von neoliberalem Geist unserer Zeit, der die Märkte dereguliert und vormals staatliche Institutionen privatisiert, gab es strikte Regelwerke von festen Preisen oder institutionelle Aufträge, die keine Marktkonkurrenz zuließen. Wann änderte sich dies?
Die Anfänge der Marktgesellschaft und damit die Verbreitung der Geschäftsutopie beginnen im Europa des 10. Jahrhunderts. Aufgrund eines rapiden Bevölkerungswachstums fanden viele Menschen keine Arbeit in den Agrargesellschaften und streiften durch die Gegend, auf der Suche nach Almosen, nach Heeresdienst in Kriegszeiten oder nach Gelegenheiten für Raub und Plünderungen. Die »Kanaillen« waren Händler, die aus Schurken, Gaunern und Überlebenskünstlern bestanden.
Wie der Geist dieser »Kanaillen« schließlich in eine seltsame Symbiose mit dem Bürgertum tritt, bespricht Rendueles ausführlicher anhand des Bildungsromans Robinson Crusoe. Rendueles zeigt an Crusoe, wie die »Domestizierung der Gesellschaft durch den Markt im 18. Jahrhundert« stattfindet. Anstatt ein arbeitsames Leben als Geschäftsmann zu führen, bricht Crusoe aus, um Abenteuer zu erleben – und gründet in der Ferne eine Lebensform, die sich aus protestantischer Ethik und kapitalistischem Geist zusammensetzt. »Lass uns Ultima Thule suchen gehen, vermittelt uns Robinson, eine neue Welt aus Gurkensandwich, Teegebäck und Beistelltischchen erwartet uns da draußen.«
Daneben werden im Buch auch vielseitige Alternativen zu einer marktkonformen Lebensweise aufgezeigt. Zum Beispiel die Idee eines solidarischen Miteinanders, das nicht geprägt ist von einem Nutzenverhältnis. Wo, fragt Rendueles, finden sich solche sozialen Beziehungen, wenn der Managerkampfgeist dominiert und auf die Anerkennung von Leistungen in allen sozialen Sphären pocht, von den Arbeits- bis zu den Liebesbeziehungen? Fündig wird Rendueles bei Doris Lessing. Ihr Buch Das Tagebuch der Jane Somers führt ein in das Leben der Karrieristin Jane, deren extravagantes und arbeitsames Leben durch die Bekanntschaft mit der pflegebedürftigen, einsamen Maudie eine entscheidende Wendung einnimmt. Ohne es zu müssen oder es sich selbst erklären zu können, übernimmt Jane die Pflege für die undankbare, mürrische Maudie. Für Rendueles ist das kein altruistisches Erweckungserlebnis, das eventuell von dem Gewinn gesellschaftlichen Ansehens motiviert wird. Vielmehr geht es bei Lessing um die »Entdeckung einer Verpflichtung,« die nicht auf einer unabhängigen Entscheidung beruht: »Es ist eine in der sozialen Ödnis unserer Gegenwart unverständliche Beziehung.«
Rendueles verfolgt in seiner literarischen Reise durch die Geschichte der sozialen Marktwirtschaft viele Zwecke: so möchte er nicht nur die Entstehung des Arbeitsmarktes untersuchen und die Struktur politischer Konflikte, sondern auch den Ursprüngen der kapitalistischen Arbeitsorganisationen nachgehen, die eng mit Kolonialismus und Sklaverei verwoben sind und den Krisen und Legitimationsverlusten von Institutionen im 20. Jahrhundert näher auf den Grund gehen. In der Ausführung gelingt ihm all das dann aber auf eine eher sprunghafte, teilweise assoziative Weise, wobei manchmal der Überblick verloren geht zwischen Referenzen, die von der Pop- bis zur Hochkultur reichen. Und auch seine Literaturauswahl ist subjektiv. Weder lässt sich ein Weltliteraturkanon umreißen, noch sind die Betrachtungen aus literaturwissenschaftlicher Sicht solide. Darin liegt jedoch weniger ein Manko.
In der Besprechung von hauptsächlich männlichen Autoren kann ihm zudem der Vorwurf der weiblichen Unterrepräsentation gemacht werden. Neben dutzenden Autoren bespricht Rendueles nur zwei Werke von Autorinnen, und zwar Mary Shelley’s Frankenstein und Doris Lessings Roman. So wird eine patriarchalische Gesellschaftsstruktur nur gefestigt.
Der Reiz an Rendueles schmalem Buch liegt jedoch darin, dass er nicht versucht, oft begangene Wege abzuschreiten. Seine unkonventionelle Arbeitsweise erlaubt es ihm, formal zu experimentieren. Aus einer literarischen Recherche wird so ein mit persönlichen, urkomischen Anekdoten des Autors angereicherter Essay, die den bissig–sarkastischen, erkenntnisreichen Text, der sich – und durch den sich der Leser – antikapitalistisch positioniert, zu einer mehr als kurzweiligen Lektüre machen.

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